Sepia
von Jean Magro. Pädagoge, Skantherapeut, Tai Chi und Chi Gong Lehrer
Unlängst vor meinem Haus parkte ein Auto. Drin eine Frau an ihrem Handy festhängend. Das Bild ist eigentlich ziemlich banal - noch saß sie an diesem altmodischen Gerät, das noch in der Hand gehalten wird. Bald, Kaft des Gesetzes, werden Fahrer mit im Auto eingebauten Fernsprechern kommunizieren, wo der vorbeifahrende Laie vermuten wird, das jener Steuerlenker mit sich selbst spricht...
Aber dies ist noch für uns Zukunftsbild, anders als die Szene, die sich abspielte als ich gegen 20 Uhr heimkehrte - ich glaube, dass dieser an sich eintönige Vorfall mich um so mehr bewegte wegen des Zeitraumgefüges: Kehrt ein Mann nach getaner Arbeit nach Hause und freut sich auf seine Frau und entdeckt justament vor seinem Haus eine Frau die sich doppelt verbarrikadiert, einmal mit dem Auto und dann noch mit ihren Handy.
oder auch 2x vereinsamt oder auch 2x verängstigt oder auch 2x sich sehnend.
Und plötzlich, veranlasst durch diese mir zu dem Zeitpunkt noch unklare Gegensätzlichkeit, schoss mir durch den Kopf das Bild von der Schauspielerin Jean Seberg, die sich still in ihrem Auto das Leben mit einer Überdosis Tabletten nahm. Sie wurde „zufälligerweise" nach langer verstrichener Zeit entdeckt. Man hätte sie nie entdecken können, denn ihr Leib, der wahrscheinlich ursprünglich auf dem Rücksitz lag, war in den Raum zwischen Vordersitz und Rücksitz gerutscht. Also auf gut deutsch hat sie sich klammheimlich davon gemacht, wurde sie überhaupt vermisst?...
Sepia, der Tintenfisch, war das zweite Bild in mir, das mit Seberg verbunden war. Sepia kann tatsächlich hinter seiner schwarzen Tinte verschwinden und sich unangreifbar machen.
Ich habe einmal neben einer Klientin in einem Workshop gesessen, an einem Freitag Abend, und jedesmal wenn ich der Frau näher kommen wollte, hatte ich den Eindruck, ich würde in einem unsichbaren Schleier versinken, der meine Sinne regelrecht lähmte. lch war ziemlich durch das Ereignis verwirrt, umso mehr, weil ich positives Interesse für Sie spürte.
Am nächsten Tag erzählte sie mir, dass sie sich an dem Abend sehr empfindlich und verletzlich fühlte. Diese Aussage half mir zu verstehen, was vorgefallen war. Von dem Tag an wusste ich, dass der Mensch auch in der Lage ist , sich feinstofflich zu verstecken, wenn er sich bedroht fühlt.
In ihrem Buch „Porträt in Sepia" beschreibt Allende neben der Hauptdarstellerin Aurora, die mühsam versucht (und gelingt) hinter die Fassade der „Normalität" zu schauen, eine Menge Nebendarsteller, die die Unzulänglichkeit von Sepia verkörpern. Und alle sind faszinierend weil sie zuerst antagonistisch zu sein scheinen.
Nach näherer Anschauung stelle ich fest, dass alle sich gegen den Kern (reichanisch betrachtet) wehren, alle haben ihre Strategien andere an ihren wahren Kern nicht ran zu lassen.
Ob es wohl um die obere „Kommandeurin" Pauline geht die die Geschichte am liebsten neu umschreiben würde. Diese Impulse kennen wir zu gut von Imperien, die die Geschichte neu zu schreiben versuchen, um schmerzliche Erfahrungen zu verherrlichen. Die „Rambo" Verfilmung hat versucht, den Vietnamflop als Top umzugestalten.
Oder auch Diego, der sich von vornherein taktisch in einer Scheinhochzeit versteckt hat, damit er seine Liebschaft mit seiner Schwägerin fortsetzen kann. Hier wird die grosse Familie geschützt, eine Art „causa de la honora". Nichts darf aus der Familie raus, Lügen Töten, Feilschen erlaubt. Die Familie ist völlig hermetisch nach aussen. Innen das Gute, aussen das Schlechte. (Hörte ich nicht irgendwo von einer „Axe des Bösen ) Inzest keimt bestenfalls in solchen Feldern.
Selbst der treue Diener Williams rettet seine Haut als Lakai, er steckt allerhand persönliche Ansprüche zurück, um die Herrin Pauline auf dem Thron zu erhalten. Ich würde es als musisch sehen. Die Geschichte der Kunst, Literatur, Philosopie und Forschung ist reich an Musen (meisterns weiblich), die sich devot im Schatten hielten, damit der „Meister“ nach vorne konnte. Die Dienerfigur ist faszinierend und Allende weiss diese Person besonders stillistisch zu liebkosen.
Nett ist es auch, dass Allende, die sonst weiblich-klassiche Figur der Muse als Mann darstellt.
Lynn, die Mutter v. der Erzählerin könnte das Bild der nach Reich entpanzerten Figur darstellen. Sie ist nackt, im wahren Sinn des Wortes, weil sie oft als Modell steht und sie ist es im übertragenen Sinn: Sie liebt den Sohn v. Paulina, der sie ausnützt und schwängert. Sie gebärt Aurora und (muß) sterben. Sie muss sterben, weil kein Panzer vorhanden ist.
Lynn's Mutter Eliza schützt sich in die Flucht, sie wandert nach China aus, das Land ihres verstorbenen Ehemannes Tao Chin. Sie weiss, das sie ganz weit weg muss, damit Sie besser zurückkommen kann, um ihrer Enkeltochter bei dem letzen Sprung in die Wahrheit hinter dem Spiegel zu helfen.
Es gab mal in den 70er Jahren ein sehr gutes Buch : „Stand halten oder flüchten“1. Dieses Buch war zu der Zeit wichtig, weil es ein Tabu brach: das Tabu, das derjenige, der geht, Schuld hat. Dieses hat die Sippe ergründet, um Konkurrenten unfähig zu machen. Eigentich mit Plato schon („Das Bildnis der Hölle“). Später, mit Wilhelm Reich, wissen wir, das derjenige, der das Licht sieht, aus der Höhle raus muss. Dabei erklärt Reich, dass die Gruppe alles tun wird, damit keiner es tut. Deswegen muss der der ausbricht, es nachts tun.
Bei dem „Jäger-Gejagten“ - Spiel verliert der Jäger das Spiel, weil er nicht in die neue Dimension springen möchte und deswegen wird das noch „Frei-laufende Wild“ getötet. Trotz Beute bleibt der Jäger Verlierer. Kreativ bleibt der Mensch, ob agressiv oder depressiv, um zumindest „unberührt“ zu bleiben, höchstens um die Macht zu erhalten.
Das Spiel mit dem Tod, mit der Distanzlosigkeit spielt sich auch im „Idiot“ von Dostojevski ab. Der Protagonist rivalisiert mit Rogoschin, er wird von R. aufgetrumpt kraft Geldes: das Imperium des Geldes beraubt die wahre Liebe von dem Idiot Fürst Myschkin. Beide wollen die gleiche Frau Nastasja Filippowna. Sie weiss wohl, wo ihr wahres Herz hin gehen will, nämlich zum Fürst, aber die hysterische Frau pflanzt sich auf, in einer der eindrucksvollsten Szenen der literarischen Selbstsabotage vor versammelten Verehrern und folgt dem Mann, der Sie am wenigsten „berühren“ wird.
An der Stelle taugt ein Paradox oder häufig wiederholtes Klischeeverhalten im Menschen: derjenige, der das Herz besitzt, wird als Dumm oder Narr empfunden.
Grossartig betrachtet hat Dostojevski beim Fürst die Scham beiwohnen lassen, dort wo alle laut, frech, neugierig, taktierend, falsch bis heuchlerisch mit ihm umgehen. Myschkin mit seinen christlichen Zügen schämt sich wahrscheinlich für die Menschheit. An dem Wort scheitert es nicht, er spricht die nackte Wahrheit, dieses Wort können wohl seine Zuhörer hören.
Soll es heissen, dass sein Herz , das sich schämt, Schuld empfindet, das glaube ich kaum. Vielmehr und jetzt sind wir wieder bei Aurora's Mutter Lynn, die ständig ausgezogen wurde, beim Idiot wird er ständig benützt, beklaut für mondäne Zwecke.
Den Idiot Iässt D. nicht wie Allende mit Lynn dramatisch sterben, trotz weiten Herzens.Nein, D. hat die Lehre Christi verstanden. Er hat verstanden, dass Christus zu seiner Zeit (und wahrscheinlich immer noch) nur kultisch gepflegt wird. So viel Masochismus braucht D. nicht. Er hat es selbst zur Genüge im K.Z. erlebt. Nein, Fürst Myschkin ist der Antiheld, ähnlich dem „Mann, der die Bäume pflanzte“ 2 wo keiner ihn sah, aber 30 Jahre später stellten die Provenzaler fest, dass die Provence „auf einmal“ bewaldet war. Ähnlich wie der tabuisierte afro-kubanische Gott Oxalá, der sich unbemerkt zurückzieht.
Den „Christ-Myschkin“ hat er schön abgeflacht, er ist nur präsent, treu, manchmal ein bisschen verwirrt, manchmal muss er ein bisschen Luft schnappcn, nach St. Petersburg für ein Wochenende oder sonst wohin, denn die Menschen sind manchmal ein bisschen heavy. Aber er kommt immer wieder. Natürlich ist er manchmal ziemlich peinlich und daneben, aber es ist immer eine Erleichterung, die Anderen peinlicher zu finden, als sich selbst. Obwohl Pein, Scham manchmal ganz schön klebrig sein kann....
1 v. Jean Giono
2 siehe die geniale Studie v. Kaye Hoffman: „Von Göttern besessen.“ (Trickster Verlag)