Schmerz lass nach!


Zu jener Zeit in Europa, als die Seele noch Attribut der Kirche war, gab es, wenn die Seele einmal schmerzte, verschiedene Möglichkeiten, sie zu behandeln. Auf sanfte Weise versuchte man es mit ein paar „Vater unser“ oder „Ave Maria“, eine widerspenstige Seele konnte man geißeln, kasteien, und wenn das nicht ausreichte, blieb noch der Scheiterhaufen.
Heutzutage ist der Trost der Seele nicht mehr so brachial zu betreiben, weil

a- die Seele so empfindlich geworden ist . Es werden sogar gewaltsame Szenen der Bombardierung und Besatzung des Irak fein säuberlich zensiert, damit die zarten westlichen Seelen nicht zu stark traumatisiert werden.

b- die karitativen Betreuer der Seelen nicht mehr nur der römisch-katholischen oder anderen christlichen Kirchen unterstehen, sondern auch etlichen anderen, sogar fernöstlichen Religionen, und seit Sigmund Freud auch noch den verschiedensten Strömungen der Psychotherapie.

Ob die westlichen Religionen über diese neue Verteilung der Rollen erfreut sind, erscheint an dieser Stelle zunächst nicht unbedingt relevant, ist es aber vielleicht doch, denn gewisse Machtkämpfe haben ihren Ursprung in der westlichen zentralistischen Religion (Zentralismus = Macht). Das Schlachtfeld hat sich indes auf ein nicht religiöses Podium verlagert, und zwar das wirtschaftliche Podium, denn die Hüter des neuen Glaubens kämpfen nicht mehr frontal kraft religiöser Glaubenserkenntnis, sondern benutzen Pharmazeutika als Waffe, um weiter zu regieren.

Die Tablette hat die heilige Hostie abgelöst.
Und damit auch die generell verbreitete Kritik am westlichen Umgang mit dem Schmerz.
Ich vertrete diese Sichtweise des Schmerzes nicht, um einen Streit vom Zaun zu brechen, sondern eher um, aus sozio-anthropologischer Sicht, der Schmerztherapie im Westen die in der übrigen Welt gegenüberzustellen.
Aus dieser Perspektive lässt sich feststellen, dass

a- wir das westliche Gefüge nicht unbedingt verlassen müssen, um Alternativen zum klassischen medikamentösen Umgang mit dem Schmerz zu finden.

b- die christliche - daher für westliche Verhältnisse relevante Perspektive - häufig eine Art Täter-Opfer-Beziehung beinhaltet, die den Eindruck vermittelt, das „Opfer“ (der/die Schmerzenleidende) werde bestraft. So trägt der/die Leidende noch zusätzlich ein „Schuldpaket“ mit sich herum, das die Schmerzbehandlung verfänglich macht und den Patienten immer auch ein Stück weit erniedrigt. Die Patient-Arzt-Beziehung ist somit nicht „erwachsen“ und weist, besonders in Krankenhäusern, starke Machtverhältnisse auf, und am untersten Ende der Hierarchiespirale befinden sich, leider, die Bettlägerigen.

c- es Alternativen und einen nicht westlichen Umgang mit dem Schmerz gibt. Es besteht die Möglichkeit, den/die PatientIn als reifen, mündigen, erwachsenen Menschen zu betrachten, jenseits von jeglichen „Schuldzuweisungen“, und es gibt Modelle, mit deren Hilfe sich der/die Betroffene selbst n. Der Fokus verändert sich dadurch, dass man das Konsumverhalten aufgibt (schmerzstillende Drogen zu sich zu nehmen) und stattdessen eine echte Beziehung zum Schmerz herstellt, die den Heilungsprozess in Gang setzt.

d- Schmerz im westlichen Kulturkreis als etwas Abgeschlossenes betrachtet wird, obwohl er eigentlich ein Prozess ist. Im Westen wird aus politisch-ökonomischen Gründen der/die KlientIn in seiner/ihrer Angst „gelassen“. Da der Schmerz im westlichen Denken als vorzeitiger Tod empfunden wird, ist der Schmerz gleich mit Todesangst verbunden. Da die Trennung Schmerz/Tod nicht vollzogen ist, wird automatisch das Geschäft mit dem Tod ökonomisch attraktiv. Die Alternativen hingegen, die deutlich die Trennung von Schmerz und Tod vollziehen, erweisen sich als besonders effektiv in der Heilung, da sie den Schmerzpatienten zu Recht von seiner Sterbeangst abkoppeln.

An dieser Stelle möchte ich ein paar wesentliche Punkte darlegen, die die biodynamischen Grundformen des Schmerzes verdeutlichen, um von dort aus ein paar (von noch tausenden) Möglichkeiten, nicht (unbedingt) medikamentös am Schmerz zu arbeiten, vorzustellen. Diese Übersicht ist sowohl für den Professionellen (also den, der die Schmerzen beruflich „lindert“) geeignet als auch für den Laien, der problemlos, was ich mir wünschen würde, an sich selbst arbeiten kann.

1- Zentral ist dieses Axiom, ein Grundstein des Daoismus: alles wandelt sich, nichts bleibt, wie es ist. Daraus folgt für den Schmerz, dass es kein Dauerzustand ist. Der Schmerz wandelt sich und drängt zur Harmonie. Einziges Hindernis daran: der Mensch. Er will, aus Macht, Schwäche, Angst alles so haben, wie es immer war, selbst im masochistischen Trieb. Es tut zwar weh, aber er kann sich dadurch definieren.....dass er eben ein schlechter Mensch ist...und nichts besseres verdient hat.....

2- Die biologische Grundhaltung der Angst kennzeichnet sich dadurch im Körper, dass die Energie im Kern festgehalten wird.*. Der biologische Kern wird festgehalten. Dieses Festhalten verhindert etliche Prozesse im Körper. Der pulsative Teil (um den Reich'schen Begriff aufzugreifen) fehlt. Grundform des Lebens ist aber das Pulsieren, und zwar vom Kern zur Peripherie, und von da aus wieder zum Kern, u.s.w. Nur so ist es möglich, den Organismus gesund zu erhalten.

3- Starke Formen der Entladung unterliegen der sogenannten orgastischen Kurve (siehe auch W. Reich). Diese Kurve steigt stetig an, um dann auf ihrem Scheitelpunkt steil abzufallen. Bei akutem Schmerz ergibt sich genau diese Kurve. Sie kann sich mehrmals wiederholen, bis der Schmerz wieder abklingt. Die Hyperventilation, die der gleichen Kurve folgt, kann nicht medikamentös behandelt werden, indem man dem Körper hilft, tatsächlich in „die Peripherie“ zu kommen. Also der Tendenz der chronische Atmung entgegenzuwirken. Nicht in die Einatmung zu gehen, sondern in die Ausatmung.

Aus den unter 1 bis 3 erwähnten Punkten resultieren praxisbezogene Muster, mit denen sich sehr gut arbeiten lässt. Grundlegend finden wir all das, was wir brauchen, bei W. Reich.
Gleichzeitig bietet das Nei Gong, die innere Alchimie des Tai Chi, eine Fülle von Zusatzmaterial zu den Fundamenten, die Reich gelegt hat. Faszinierend ist beim Nei Gong, dass dort, wo allgemein das Auge nach Außen gerichtet ist (Konsum= die Wahrheit ist draußen), diese „innere Alchimie“ ein hohes Gefühl und Verständnis für das bringt, was „in uns brodelt“, und das in einer feinen, respektvollen und sehr präzisen Art.

Nei Gong greift grundenergetische Formen im Körper auf, beziehungsweise macht sie für uns transparent, sodass wir sie jederzeit aufnehmen und anwenden und sogar umleiten können.
Grundlegend werden die Achsen Oben-Unten und Mitte-Peripherie aufgenommen, und es wird sowohl zentripetal als auch zentrifugal daran gearbeitet. Dazu kommt noch die Yin-Yang-Achse. Ich beziehe diese daoistischen Begriffe vereinfachend auf das, was uns interessiert, im Sinne von Rückzug (und dadurch auf den dorsalen Raum im Körper) und Raum einnehmen (eher der frontale Raum), aber auch zum Kern hin (Yin) und vom Kern zur Peripherie (Yang).
Mit diesen Elementen sowie durch bewusste Lenkung wird die Energie im Körper, das Chi beziehungsweise Bin Chi, das „pervertierte“ Chi im Körper, wieder in Bewegung gebracht und zur Peripherie geleitet.

Wenn wir uns gewahr werden, dass wir den Schmerz „mitagieren“, wissen wir, dass wir den Schmerz „halten“, also das Chi im Körper zum Stillstand bringen. Und hier liegt das Paradox, denn Chi ist Bewegung! Aus diesem Grund nennen es die Chinesen „pervertiertes“, „verkehrtes“ Chi. Und diese Perversion bringt uns Schmerz. Schmerz, weil wir uns gegen die normale Bewegung im Körper entscheiden. Für den Tod, gegen das Leben!

Artikel von:
Jean Magro - SKAN Körpertherapeut

 

Schmerz lass nach!

Bioenergetischer Umgang mit dem Schmerz

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