Rauf und runter

Rauf und runter
Der energetische Fluss im Qi Gong

In meinen Kursen werde ich zum einen mit Teilnehmern konfrontiert, die sich bemühen, „hinter die Bewegungen“ zu schauen, und dann wieder mit anderen, die, um Al Baumanns Worte zu benutzen, einfach „shoppen“, also einkaufen. Techniken werden sozusagen gesammelt.
Anders als vor 20 Jahren, als ich mit Tai Chi und Qi Gong anfing und beide nichts anderes waren als eine graziösere, fernöstliche Gymnastik, leben wir heute in einer Zeit, in der das Geheimnis dieser Gymnastik peu à peu selbst von Chinesen gelüftet wird. Sicher, die Wahrnehmung des Chi ist in der Tat für die Bewohner des Westens eine große Herausforderung, denn ich werde dadurch ständig gezwungen, mich anders zu definieren. Dementsprechend muss ich respektieren, dass manche Teilnehmer in ihrem Leben nichts verändern wollen. Der Fernseher ist im Wohnzimmer, das Essen auf dem Tisch, im Bett eine Frau/ein Mann, die/der einen hoffentlich liebt ... was will man mehr! Doch spätestens im Fall einer Erkrankung könnte man überlegen, nach den Gründen dafür zu fragen.

So wie Gaston Saint Pierre und Debbie Shapiro* es formulieren: „Wir haben im Lauf der Jahre weitgehend die Fähigkeit verloren, für unseren eigenen Gesundheitszustand verantwortlich zu sein und haben diese Verantwortung an Menschen abgegeben, die wir nicht einmal kennen.“
An dieser Stelle merke ich, wenn ich Rückschau auf mein Leben halte, dass ich ständig - in der Schule, in meiner Ausbildung als Pädagoge - von Lehrern begleitet war, die mich animierten, zu hinterfragen. Das heißt, ich setze diese Kontinuität fort, weil ich nicht anders kann und weil ich mich so definiere. Dazu ein Wort von T.S. Eliot*: „Was wir den Anfang nennen, ist oft das Ende, und zu beenden, heißt anzufangen.“
Diese lange Einführung nur um klarzustellen, dass wenn ich tatsächlich, wirklich in und um meinen Körper schauen möchte, ich es dort tun muss, wo mein Körper wirklich ist, und nicht wo ich denke, dass er sein könnte. Erst dann, wenn ich zulasse, dass mein Körper nicht im Einklang mit seiner Umwelt ist, fange ich an, ihm allmählich zu begegnen.
Sicher ist, dass der Daoismus, in den T.C. und Q.G. hineingehören, über einen riesigen Pool an Informationen über unseren Körper verfügt. Wir haben ein Wissen, das weit über 2000 Jahren vor Christus zurückreicht, und der Faden der Überlieferung ist nie gerissen.
Wichtig ist, dass ich wieder ein Bild, eine Vorstellung von meinem Körper bekomme. Oft ist überhaupt kein Bild vorhanden. Nach dem Motto: „Erst wenn der Wagen nicht mehr läuft, denke ich daran, die Motorhaube zu öffnen.“ Ich erwähnte schon in einem meiner Artikel, dass T.C. und Q.G. sich mit allen Achsen des Körpers beschäftigen; in diesem Artikel möchte ich wieder (scheinbar ist es nie genug) auf die Hauptvertikalachse eingehen, nämlich das Rückgrat. Ohne diese Achse läuft überhaupt nichts. Selbst wenn der Meister mit dem kleinen Finger arbeitet, wird sein Bewusstsein parallel die Hauptachse einschließen, aus dem einzigen Grund, dass das Chi aus dieser Achse schießt. Je besser der vertikale Fluss, desto lebhafter die Peripherie.
Entlang dieser Achse laufen zwei entgegengesetzte energetische Strömungen, die ich genauer beschreiben möchte.

A - Die aufsteigende Strömung

Ich verzichte gleich auf die bekannte Literatur über die aufsteigende Kundalinikraft, nicht weil sie nicht interessant oder irrelevant wäre, sondern eher weil
- ich einer daoistischen Annäherung folge, die sich diesbezüglich nicht auf die Schlangenkraft bezieht sondern auf die des Drachen, die ich als viel präziser erfahre;
- mich Reinhardt auf etwas aufmerksam machte.
Ihm verdanke ich, dass ich überhaupt diesen Artikel schreibe. Während wir eine Drachenform übten, klagte er darüber, dass der Drache an einer bestimmten Stelle des Rückgrats nicht weiterwollte. Hier stehen wir vor einem scheinbaren Paradox: Das Paradox des aufsteigenden Drachen, der sich ellipsenförmig fortbewegt, ist, dass sich diese Fortbewegung vertikal auf x-fache Minibewegungen in der horizontalen Achse stützt.
Praktisch gesehen müssen wir dieses scheinbare Paradox annehmen bzw. uns mit ihm bewegen, indem wir verstehen, dass es sich auflöst, indem die Horizontale durch die zeitliche Aufhebung der Gegensätze in die Vertikale übergeht)). Yin wird zu Yang, Yang wird zu Yin und inne liegt das Wunder des aufsteigenden Drachen. Der Drache steigt also nur auf, wenn die Wirbel horizontal freigemacht werden.
Das ist leicht gesagt, doch ist der Charakter des Übenden oft „geradlinig“, der Übende möchte linear vom Steißbein zu den Zervikalen gelangen. Ideal wäre dagegen, wenn ich überhaupt nicht vorhabe, irgendwo anzukommen. „Stein für Stein“, also Wirbel für Wirbel, erfahre, wie viel Widerstand herrscht. Eine Yang-Induktion („ich will durch“) provoziert eine Yin-Schmelzung („ich nehme es an“).
Durch diesen Prozess erfahre ich mich selbst, indem ich in mir selbst die aktive und die passive Rolle zulasse. Meine männliche sowie meine weibliche Seite zulasse. Keine der beiden Kräfte überwiegt, Kaye Hoffman* spricht von „einem aufeinander abgestimmten Wechsel zwischen Anspannung (Yang) und Entspannung (Yin)“. Weiter in „Von Göttern besessen“*: „Es gibt keine ewigen Gegensätze, sondern nur augenblicklich sich konstellierende Pole.“
Das ist aber noch nicht alles, denn durch die Ellipse erfahre ich meine Lateralität, und sie ist die Basis der Pyramide. Ich kann nur oben ankommen, wenn mein Körper die Basis (die Wurzeln) spürt.
Der Drache zwingt den Praktizierenden, alle Elemente zu beherrschen. Aus dem Feuer des unteren Dantian wird Luft in Bewegung gesetzt, und Luft wird heftiger, je „yangiger“ (also je schneller) die Bewegung wird.
Ferner: Die Pulsation des Drachen löst, wenn sie sich dem oberen Dantian nähert, die dortigen Blockaden auf. Das obere Dantian, das starken Einfluss auf das Gehirn hat, fördert die Wechselwirkung beider Gehirnhälften. Das Denken wird ergänzt, zu dem Kognitiv werden die Bilder zugelassen.
Das heißt, das Lineare wird nicht nur auf rein körperlicher Ebene „attackiert“, sondern auch auf mentaler Ebene.

B - Die absteigende Strömung

Die absteigende Strömung ist wahrscheinlich für den westlichen Typ die größere Herausforderung, weil bei ihm, anders als beim fernöstlichen Typ, der Oberkörper den Großteil der Körperenergie mobilisiert. Der Westen strebt nach Ekstase, er kann nie genug fliegen. Ein Blick auf das klassische Ballett macht deutlich, dass nie genug auf Zehenspitzen gegangen wird, hier ein Bein hoch, dort ein Arm und ein paar Flüge à la Nurejew. Sogar die Modebranche zeigt uns, wie wenig geerdet die Models heute oftmals sind: Neulich wäre ein Model auf dem Catwalk fast auf ihrem hübschen magersüchtigen Gesicht gelandet. Das Bild der modernen Frauen hat keine Hüften, von Babys ist nicht mehr die Rede, es ramponiert zu sehr die Figur. Möglicherweise werden in Zukunft Black Mamas mit gebärfreudigen Becken frisch aus der Savanne importiert, um die Retortenbabys der schwangerschaftsmüden Girls des glorreichen weißen Westen auszutragen und zu gebären! Der fernöstliche Typ findet (noch) seine Körpermitte tiefer, im untersten Dantian.
Unterdessen, fast 30 Jahre nachdem Osho dem Westen die Kundalinikraft schmackhaft gemacht hat, stehen wir heute vor der Aufgabe, den Westen zurück auf den Teppich zu bringen. Es wird nicht einfach sein, wir werden wahrscheinlich noch ein paar konsekutive Börsenbläschen brauchen. Unsere Abneigung gegen das Untere ist stark „verwurzelt“ und wertend.
Eluan Ghazal* schreibt: „Nun bist du ‚tief gesunken', du bist ‚ganz unten', du bist ‚zu Boden gegangen'. Welch eine ‚Niedrigkeit'. Gehörst du nicht zum ‚horizontalen Gewerbe'? Was am Boden ist, das kann man mit ‚Füßen treten'. Es verdient unsere Verachtung. ‚Aufsteigen' aber kann man zur Spiritualität, zur Erleuchtung, in allen möglichen Hierarchien. Man steht ‚hoch in der Gunst' bei jemandem.“
Der Umgang mit dem absteigenden Chi impliziert jedoch zugleich eine gewisse Sensibilierung des oberen Dantian, und diese Stufe geht wiederum nur einher mit einem bewussten Umgang mit den beiden unteren Dantian. Die „Verankerung“ des mittleren und unteren Dantian bietet eine Sicherheit, die das Öffnen nach oben ermöglicht. Nur dann, wenn die Basis vorhanden ist, öffnet sich das Obere, weil der Körper die gewaltige und das Bewusstsein verändernde neue Information verarbeiten und integrieren kann.
Zwar bietet Qi Gong gewisse Techniken (siehe Wildgans Qi Gong, Qi Gong des Rückenmarks ...), bei denen das Chi durch den Bai Hui in den Körper hineinfließt, und diese Techniken finde ich durchaus angebracht, mit dem Gefühl der absteigenden Energie vertraut zu werden; gleichzeitig ist die absteigende Strömung eh ein Grundbestandteil unseres Universums - nur dass wir Menschen das verkennen. Als ob wir im Meer lebten und nicht wüssten, dass wir schwimmen könnten ...
Was wir machen, ist irgendetwas zurechtzubasteln, das sich Mensch nennt, sich aber langsam völlig abkoppelt von dem, was wirklich um uns herum abläuft. Wir amüsieren uns über Michael Jackson, den wir als Zombie definieren, merken aber nicht, dass M.J. längst eine Gesellschaft widerspiegelt, die, gelinde gesagt, äußerst merkwüdige Formen annimmt.
Also, die absteigende, nährende Chi-Energie fällt und ist immer gefallen. Im fortgeschrittenen Verlauf des Qi Gong geht es darum, diese Realität zu erkennen und uns dadurch nähren, führen, inspirieren zu lassen, denn das Chi trägt die Informationen des Universums in sich und ist möglicherweise in der Lage, uns an der Unendlichkeit dieses Wissens teilhaben zu lassen.


* „Die Meta-morphische Methode“ (Ryvellus Verlag)
* „Vier Quartette“
* „Tanz,Trance und Transformation.“ (Verlagsgemeinschaft Anarche 1991)
* (Trickster Verlag 1986)
* „Der heilige Tanz“ (Edition Herzschlag)

 
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