Die Peripherie
Die Peripherieatmung - das heißt, die Atmung erreicht die äußersten Randzonen des Körpers - ist für die Skan-Reichaner ein feststehender Begriff, um nicht zu sagen eine Bedingung sine qua non der reichanischen Körperarbeit.
Dieser Begriff begleitet mich seit meiner erster Skanarbeit, mittlerweile 20 Jahre her ... und dennoch, bei meiner jetzigen Arbeit als Bodyworker wird dieser Begriff noch wichtiger denn je.
Mit Rückblick auf mein Dasein als Skan-Klient erinnere ich mich, dass ich mich anfangs, wenn mein Therapeut Loil uns aufforderte, in die Peripherie zu gehen, wie ein Pubertierender verhielt: „Ja ja Opa, reg dich nicht auf ... in die Peripherie ... klare Sache, mache ich auch ... im Traum vielleicht ...“
Mittlerweile arbeite ich seit Anfang der 90er mit Skan und komme mir hin und wieder vor wie ein Papagei, wenn ich immer wieder die Peripherie verlange - und von meinen Klienten nur abgenervte Blicke ernte.
Dennoch - dieser Essay dient zur Wiederversöhnung mit der Peripherie.
Anfangs wehrt sich der Klient gegen die Peripherie, weil er/sie schön gemütlich „zu Hause“, im Kern des Körpers, bleiben möchte. Dort stinkt es zwar wie die Pest, aber man weiß halt, was man hat. Ein bisschen Parfum (ein richtig heftiges, das schön lange hält, mit ordentlich Fixierer drin, damit selbst das Gehirn was davon hat, ein rein synthetisches Parfum am besten ...) wird den Mief schon überdecken.
Ich kann dem Klienten nicht böse sein, denn durch seine Sozialisation und seine Eltern kann er nicht wissen, dass es wirklich eine Welt jenseits der Panzerung gibt. Und die Globalisierung, zumindest die, die momentan abläuft, ist nicht daran interessiert, freie Bürger zu schaffen.
Doch es ist tatsächlich und wahrhaftig möglich, hinter der Panzerung, mit vollem Umfang des Herzens (ohne jegliche Droge!), der Welt zu begegnen. Ich sage bewusst die Welt, denn was mich umgibt, sind nicht nur Menschen, sondern auch Tiere, Pflanzen, Bäume, kurz: all das, was sich nicht als Nabel der Welt verhält (wie der Mensch). Ein Forscher hat letztens verlangt, dass wir die Delphine wie Personen behandeln sollten, aufgrund ihrer Intelligenz, ihres Wahrnehmungsvermögens usw ... Meines Erachtens sollten wir das auf unsere gesamte Umgebung erweitern. Sich heutzutage als Mensch wie ein Intelligenzprotz zu profilieren, grenzt an Profilneurose!
Aufgrund dessen, dass der Weg durch den Panzer so prekär gefürchtet wird, möchte ich hier ein paar fundamentale Richtlinien vorstellen, die sowohl den Anfänger als auch den Fortgeschrittenen sanft begleiten können.
Der Weg durch den Panzer sollte stärker ritualisiert (nicht dogmatisiert!) werden, denn es geht schon darum, ans andere Ufer zu gelangen.
1) An der Basis wird oft mit dem Paradox gearbeitet, dass der Klient sich seines Panzers bewusst werden muss. Dafür müsste er wahrhaftig seine biologische „Enge“ spüren. Leider ist diese Enge oft emotional schwierig: zuzulassen, dass ich die Andere nicht erreiche, dass ich nicht verstanden werde, noch schlimmer: dass ich nicht geliebt werde/ nicht lieben kann. Wer kann das tun, ohne das Gefühl zu haben, im Boden zu versinken?
Den Panzer in sich zuzulassen verlangt viel Mut - und die Demut, dass ich es allein nicht schaffen kann.
2) Ich habe null Ahnung, wie ich den Panzer durchbrechen kann. Das ist ein Übergangsritual, das in unserer Gesellschaft tabuisiert wird. Keiner soll „ausbrechen“; wer ausbricht, wird verdammt. Davon erzählt Wilhelm Reich. Wer ausbricht, muss es nachts tun, denn bei Tag tut die Gesellschaft alles, um es zu verhindern. Der/diejenige, der/die geht, ist immer der/die VerräterIn.
Das Ritual schafft einen Raum, der zwischen Yin und Yang ist, jenseits jeglicher Wertung, buchstäblich jenseits von Gut und Böse ist, denn wenn Yin vollkommen ist, wird es zu Yang. Leider verfehlt der Mensch diesen Moment, weil er nicht versteht, dass das Leben ein ewiger Fluss ist, der sich ständig bewegt.
3) Zum Glück kann dieser Raum zwischen Yin und Yang u.a. in dem Bereich zwischen Ein- und Ausatmung definiert werden. Wer es schafft, seine Aufmerksamkeit auf diesen Raum zu lenken, wird immer freier, denn er/sie erfährt am eigenen Leib den Fluss beider Einheiten. Wichtig dabei ist, diesen Raum geschehen zu lassen. Je mehr Raum ich zwischen Yin und Yang zulasse, um so mehr Achtung gebe ich beiden Entitäten. Beide Entitäten können in mir sein, ohne konfliktgeladen zu sein. Warum muss ich mein Gegenüber verletzen oder gar töten, nur weil er/sie anders denkt als ich?
4) Das Zulassen des Raumes zwischen Ein- und Ausatmung führt in die Peripherie. Weil sie wahrscheinlich den Ausgleich zwischen Geben und Nehmen symbolisiert. Nichtsdestotrotz, wer diesen Raum respektiert und nach der Ausatmung zulässt, dass die aufgenommene Nahrung „verdaut“ wird, unterstützt die Verteilung der neu erworbenen Information im ganzen Körper.
5) Die Peripherie durchbricht das neurotische Festhalten im Kern. Der Kern muss nicht mehr geschützt werden, denn das Wesen allen Lebens ist die Peripherie: weg vom verängstigten Kern hin zu der symbiotischen Form der Natur.
6) Die peripherische Erfahrung ist im Bindegewebe zu finden, denn das Bindegewebe verbindet zwei „getrennte“ Welten miteinander. Wer die Peripherie zulässt, nährt das Bindegewebe.
7) Lässt man schließlich den unter Punkt 4 erwähnten Raum zu, löst sich die kognitive Kontrolle der Atmung auf, um die biologische Atmung zuzulassen.
8) Die von Wilhelm Reich definierten „Strömungen“, die durch das biologische Zulassen der Peripherie entstehen, von ihm auch „Orgon“ genannt, sind nichts anderes als das Chi der Daoisten. Erst in den letzten Jahrzehnten hat man im Westen angefangen, den Körper als eine energetische Einheit zu begreifen. Diese Realität ist im Osten längst verstanden. Doch nach wie vor erfahre ich in meinen Gruppen, sowohl Skan als auch Tai Chi und Chi Gong, dass einige Teilnehmer große Schwierigkeiten haben, diese bioenergetische Ebene zuzulassen. Dort befindet sich ein Paradox, das für den Menschen fatal ist: an eben der Stelle, wo er sich hält, verhindert er, dass das Universum ihm helfen kann. Dabei sollte dieser Mensch zulassen, dass er nicht allein ist und dass er in einem Ozean*1 von Energie (E= Info) umgeben ist.
9). Last but not least: die Ladung aushalten. Dieser letzte Punkt ist mir heute (25.12. 2007) aufgegangen, als ich mit meiner Frau in der Moritzberger Kirche weilte. Diese Kirche besitzt eine hohe radiestetische Ladung, und ich mag gern dort sein, weil ich dort sehr schnell zur Peripherie komme. Doch diesmal hielten sich dort ein paar Menschen auf, die sich benahmen, als ob sie sich im Supermarkt befänden und sich lauthals über irgendwelche belanglosen Themen unterhielten. Professor Charmet *2 sagt von Menschen, die nie aufhören zu reden, die sich sogar verpflichtet fühlen, einen Sonnenuntergang noch zu kommentieren, dass sie unter „verbaler Diarrhoe“ leiden, also auf gut deutsch: oraler Dünnschiss.
Auf jeden Fall war es mir dort klar, dass ich es mit Menschen zu tun hatte, die die Ladung der Kirche nicht aushalten konnten. Mir ging es weniger um eine profane Haltung zu einem religiösen Ort, sondern um die Unfähigkeit einiger Menschen, mit Ladung umzugehen. Dort, wo eben diese Ladung den Menschen biologisch zur Peripherie verhelfen könnte, scheitert es, weil diese Menschen die tiefe Betroffenheit eins mit der Welt zu sein nicht ertragen. Lieber paranoid, hysterisch sein, konsumieren, alles jetzt haben wollen, sofort in der Sekunde befriedigt werden als mit der Welt zu verschmelzen, wahrhaftig eins sein. Kein Wunder, dass die Konsumgesellschaft diese neurotische, zum Teil schon psychopathische Haltung favorisiert, denn sie favorisiert ja den Konsum!
Kein Wunder auch, dass Wilhelm Reich (schon vor 50 Jahren!) eingelocht wurde, denn er hat uns diese Freiheit bereits schmackhaft gemacht, aber er war gefährlich, weil er mit seiner Haltung die Konsumgesellschaft - die noch im Aufbau war - bedrohte: also weg mit ihm, schnell einen billigen, nicht wissenschaftlichen Vorwand gesucht und ab in die Klapsmühle, oder auch Knast; gestorben ist er angeblich an Herzversagen ...
Wer also der Peripherie begegnen möchte, muss lernen, die Ladung auszuhalten. Jegliche Form von Oralersatz, die der zeitgenössische Mensch anwendet, wie Rauchen, Süßigkeiten naschen, Genuss von Alkohol, Drogen usw. dient dazu, die Ladung „flach“ zu halten. Wer der Peripherie begegnet, ist im Sein. Nicht das Sein, das beweisen muss, wie toll er/sie ist, wie schlau er/sie ist, wie sexy, potent, abgespaced, fies, brutal, erfolgreich, sondern schlichtweg SEIN, wie ein Baum ist, eine Katze, ein Hund, ohne dass sie großprotzig sein müssen: sie sind halt!
Die Ladung löst die Zeit auf, denn Zeitstress ist nur ein Ausdruck des Getrenntseins von den Anderen, von dem, wo wir hinwollen, von unseren Zielen, unserer Berufung. Es ist ein Konstrukt des Menschen, getrennt sein zu wollen, es ist die Behauptung, nicht verstanden zu werden, getrennt zu sein, wobei sich das Getrenntsein im Grunde meistens aktiv, nicht passiv vollzieht. Ich bin derjenige, der sich aktiv trennt/absondert von den Anderen. An der Stelle bin ich nicht Opfer, sondern Täter; leider wollen viele Täter lieber in der Opferrolle verharren - als ob sie nicht Herr/in ihres Lebens wären.
Jean Magro
Skan-Bodyworker, Tai-Chi- und Chi-Gong-Lehrer
*1 der Begriff „ozeanische Gefühle“ ist von W. Reich selbst benutzt worden.
Zum Thema sind alle Texte von W. Reich empfohlen, weiterhin Loil Neidhöfer:
Intuitive Körperarbeit
Disziplin der Lust
Verlag des Autors: Endless sky
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*2 Franz. Arzt und Autor.